Drei Generationen Fensterbau: Wie ein Familienbetrieb aus Lünne 50 Jahre Handwerk lebt

Familienbetriebe im Handwerk sind 2026 keine Selbstverständlichkeit mehr. Während die Generation der Gründer in den Ruhestand geht, finden viele Werkstätten keinen Nachfolger — fast ein Viertel der deutschen Handwerksbetriebe steht vor einer ungelösten Nachfolgefrage. Umso bemerkenswerter sind die Familienbetriebe, die seit drei Generationen ohne Unterbrechung weiterarbeiten. Wir haben mit Christoph Büers (zweite Generation) und Jannik Büers (dritte Generation), Geschäftsführer der Josef Büers GmbH aus Lünne, über Generationswechsel, Werkstatt-Tradition und die Frage gesprochen, wie sich das Handwerk in den letzten 50 Jahren verändert hat.

Kurz zur Person

  • Christoph Büers ist Sohn des Firmengründers Josef Büers, der den Betrieb 1972 in Lünne gründete.
  • Jannik Büers (3. Generation) übernimmt schrittweise die Geschäftsführung an der Seite seines Vaters.
  • Die Josef Büers GmbH beschäftigt 5 bis 9 Mitarbeiter und ist zertifizierter REHAU-Direktverarbeiter.
  • Der Betrieb fertigt PVC-Fenster und Haustüren für Privatkunden im Emsland, Münsterland und der Grafschaft Bentheim.

Herr Büers, Ihr Vater hat den Betrieb 1972 gegründet. Was hat ihn damals motiviert, sich selbständig zu machen?

Christoph Büers: Mein Vater Josef war Tischlermeister und hatte einen klaren Punkt vor Augen — er wollte nicht für jemand anderen arbeiten, sondern eigene Verantwortung tragen. 1972 war die Zeit, in der Kunststofffenster gerade in Deutschland aufkamen. Aluminium und Holz waren Standard, aber PVC versprach eine völlig neue Wartungsfreiheit und bessere Dämmwerte. Mein Vater hat gesehen, wo der Markt hingeht — und hat den Schritt gewagt. Wir haben damals in unserem Wohnort Lünne angefangen, mit drei Mitarbeitern, einer kleinen Werkstatt und vielen Kunden, die das Risiko mit ihm eingegangen sind. Heute, über 50 Jahre später, würde ich sagen: Das war eine sehr richtige Entscheidung.

Wie hat sich das Fensterbau-Handwerk seit den 1970er Jahren verändert?

Jannik Büers: Vermutlich mehr als in jeder anderen Handwerksbranche. Was sich am offensichtlichsten geändert hat, sind die Anforderungen an Dämmung. Die ersten Kunststofffenster aus den 1970er Jahren hatten Uw-Werte um 2,8 W/m²K — das ist heute völlig undenkbar. Moderne 6-Kammer-Profile mit 3-fach-Verglasung erreichen Uw-Werte von 0,8 W/m²K oder besser, das ist mathematisch eine Verbesserung um den Faktor 3,5. Ein Fenster aus 2026 dämmt also fast dreieinhalb Mal besser als ein 1975er-Fenster. Das hat enorme Konsequenzen für den Heizenergie-Verbrauch und damit für den Gesamtenergieaufwand des Gebäudes.

Christoph Büers: Was sich auch grundlegend geändert hat, ist die Logistikseite. In den 1980er Jahren hatten wir noch eine eigene Profilextrusion in der Werkstatt — heute kommt das Profilrohmaterial direkt vom Profilpartner REHAU als Längen-Profile in Coextrusion-Technik. Wir schneiden, schweißen und konfektionieren — die Grundsubstanz kommt von einem der weltweit führenden Profilhersteller. Diese Spezialisierung hat die Qualität deutlich erhöht, weil REHAU mit Anlagen arbeitet, die kein Einzelbetrieb sich leisten könnte.

Sie sind seit 1972 REHAU-Verarbeiter. Warum diese Profilwahl?

Christoph Büers: Mein Vater hat sich damals für REHAU entschieden, weil das Unternehmen schon in den 1970er Jahren eine klare Strategie für die Verarbeiter hatte — Schulungen, Werkzeugausstattung, technische Unterstützung. Das war für einen kleinen Familienbetrieb in Lünne entscheidend. Wir verarbeiten heute die aktuellen Generationen GENEO, GENEO INOVENT und SYNEGO. GENEO mit der RAU-FIPRO X-Faserverbundtechnologie hat einen Uf-Wert von 0,79 Watt pro Quadratmeter Kelvin — das ist Spitze in der Branche und für BAFA-geförderte Sanierungen und KfW-Effizienzhaus-55-Projekte ohne Aufpreis verwendbar. Mit dem ift-Rosenheim-Prüfzeugnis und den Verarbeitungsrichtlinien der RAL-Gütegemeinschaft kommt jede Auftragsbestätigung mit dokumentierter Konformität.

Jannik Büers: Was unsere Kunden aus dem südlichen Emsland, dem Münsterland und der Grafschaft Bentheim am häufigsten zurückmelden, ist die Sicherheit, die mit einem zertifizierten Verarbeiter zu arbeiten. Wer ein Fenster mit BAFA-Förderung erhalten will, muss die DIN EN 14351-1 und das Verarbeitungszeugnis nach BEG-Richtlinien dokumentieren. Das übernehmen wir komplett — die Fachunternehmererklärung, die ift-Rosenheim-Prüfzeugnisse, alle Förderunterlagen.

Wo liegen die größten Herausforderungen für einen kleinen Familienbetrieb 2026?

Christoph Büers: Drei Punkte vor allem. Erstens die Materialpreise — die sind in den letzten drei Jahren stark gestiegen, vor allem bei Stahlverstärkungen und bei der Verglasung. Zweitens die Verfügbarkeit von Fachkräften. Es ist heute schwierig, gut ausgebildete Monteure zu finden — wir arbeiten hier mit der regionalen Berufsschule eng zusammen, bilden selbst aus und versuchen, Lehrlinge in den Betrieb zu integrieren. Drittens die Bürokratie: BAFA-Antragstellungen, GEG-Nachweise, DIN-Konformitätsbescheinigungen — das ist heute fast eine eigene Disziplin neben dem eigentlichen Handwerk. Aber wir haben uns darauf eingestellt und unterstützen unsere Kunden durch den Förderdschungel.

Jannik Büers: Eine vierte Herausforderung würde ich noch ergänzen: die Digitalisierung. Wir haben in den letzten Jahren erheblich in moderne CNC-Schweißmaschinen und in CAD-Aufmaß-Technologie investiert. Wer als kleiner Betrieb heute noch mit manuellem Aufmaß arbeitet, wird mittelfristig nicht mithalten können. Wir vermessen mit Laser-Distanzmessern und übertragen die Daten direkt in die Fertigung — das spart Zeit und vermeidet Fehler.

Wie viele Aufträge bearbeiten Sie pro Jahr?

Christoph Büers: Wir arbeiten zwischen 180 und 220 Aufträgen pro Jahr — die Bandbreite reicht von einem einzelnen Fenster für einen Privatkunden bis zu Komplettsanierungen mit 30 Fenstern für ein Mehrfamilienhaus. Das durchschnittliche Sanierungsprojekt liegt bei rund 9 bis 12 Fenstern plus Haustür. Wir machen kein Mengengeschäft — wir machen Qualitätsgeschäft. Das ist auch der Grund, warum wir bewusst klein bleiben mit fünf bis neun Mitarbeitern. Jedes Aufmaß macht entweder mein Vater bzw. ich selbst, oder ein langjährig erfahrener Mitarbeiter. Das ist nicht skalierbar — aber das ist auch nicht unser Ziel.

Was unterscheidet einen kleinen Familienbetrieb von größeren Konkurrenten?

Jannik Büers: Drei Sachen vor allem. Erstens persönliche Ansprechpartner über die gesamte Auftragsdauer — vom ersten Telefonat über das Aufmaß, die Auftragsbestätigung, die Fertigung bis zur Montage. Niemand wird zwischen Abteilungen weitergereicht. Zweitens kein Vertriebsdruck — wir haben keine Vertriebsmitarbeiter mit Provision, sondern Handwerker, die das Produkt verstehen. Drittens echte Termintreue: Was wir versprechen, halten wir. Das ist nicht Marketing — das ist eine Tradition aus der Generation meines Großvaters, die mein Vater und ich konsequent weiterleben.

Kennzahl Josef Büers GmbH (2026)
Gründungsjahr 1972
Generationen 3 (Josef, Christoph, Jannik)
Mitarbeiter 5 bis 9
Profilpartner REHAU (Direktverarbeiter seit 1972)
Profilsysteme GENEO, GENEO INOVENT, SYNEGO
Sitz Kornstraße 1, 48480 Lünne
Einzugsgebiet Emsland Süd, Münsterland, Kreis Steinfurt, Grafschaft Bentheim
Aufträge pro Jahr 180 bis 220

Wie sehen Sie die Zukunft der Branche?

Christoph Büers: Ich bin trotz aller Herausforderungen sehr zuversichtlich. Der Sanierungsstau in Deutschland ist gewaltig — etwa 60 Prozent der Wohngebäude wurden vor 1990 gebaut, viele davon haben noch Original-Fenster oder erste Generation Sanierungsfenster mit Uw-Werten über 1,8 W/m²K. Mit der BAFA-Förderung 2026, dem GEG und steigenden CO₂-Preisen wird der Markt in den kommenden Jahren weiter wachsen. Wer als Verarbeiter sauber arbeitet, dokumentiert und auf langfristige Kundenbindung setzt, hat eine sehr gute Zukunft.

Jannik Büers: Mich begeistert vor allem das Tempo der technischen Entwicklung. Die heutigen Profilsysteme mit integrierter Lüftung wie REHAU GENEO INOVENT hätte sich vor zehn Jahren noch niemand vorstellen können. Wir sind als kleiner Familienbetrieb in Lünne mitten in dieser Entwicklung — das ist eine gute Position.

Hinweis zur Recherche

Dieses Interview wurde im April 2026 in der Werkstatt der Josef Büers GmbH in Lünne geführt. Die genannten Daten zur Marktentwicklung beziehen sich auf öffentlich verfügbare Quellen des Verbands Fenster + Fassade (VFF), der BAFA und des Statistischen Bundesamtes. Konkrete Auftrags- und Mitarbeiterzahlen wurden von der Geschäftsführung bestätigt.

Fazit

Familienbetriebe wie die Josef Büers GmbH zeigen 2026, dass dreigenerationen-getragene Werkstätten im Fensterbau-Handwerk eine kraftvolle Position einnehmen können — wenn Spezialisierung, Profilpartnerschaft und persönliche Betreuung als Strategie gewählt werden. Die Kombination aus REHAU-Direktverarbeitung, BAFA-Förderkompetenz, persönlichem Ansprechpartner und 50 Jahren Tradition ergibt ein Profil, das mit dem Marketingdruck der Großbetriebe nicht konkurrieren muss — sondern ein eigenständiges, qualitätsorientiertes Segment bedient. Was bei Christoph und Jannik Büers besonders deutlich wird: Familienbetriebe transportieren nicht nur Handwerk über Generationen, sondern auch Werte. Termintreue, Qualität, Beziehungspflege — diese drei Eckpunkte machen einen Unterschied, der sich messen lässt.

Interview geführt und protokolliert durch die Redaktion interview-heute. Die genannten Daten zu Profilsystemen und Förderlandschaft basieren auf öffentlich verfügbaren Quellen von REHAU, der BAFA, dem VFF Verband Fenster + Fassade und dem ift Rosenheim. Stand: April 2026.

Quellen

  • Verband Fenster + Fassade (VFF) — Jahresbericht 2025
  • ift Rosenheim — Prüfzeugnisse für REHAU-Fenstersysteme nach DIN EN 14351-1
  • REHAU AG + Co — Profildatenblätter GENEO, GENEO INOVENT, SYNEGO 2026
  • BAFA — Bundesförderung für effiziente Gebäude, Förderrichtlinien 2026
  • Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) — GEG 2024
  • Statistisches Bundesamt (Destatis) — Wohnungsbestand und Gebäudealter Deutschland
  • Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim — Statistiken zur Nachfolge im Handwerk

Interview-Datum: April 2026 · Veröffentlicht: 13. Mai 2026

Sabine Hartmann

Redakteur/in

Sabine Hartmann ist Kommunikationsexpertin und PR-Beraterin mit über 12 Jahren Erfahrung in der Unternehmenskommunikation. Sie hat für DAX-Konzerne und mittelständische Unternehmen gearbeitet und ist spezialisiert auf strategische PR, Krisenkommunikation und Personal Branding. Auf Interview-Heute.de teilt sie ihr Wissen rund um moderne Unternehmenskommunikation.

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